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Dom Aelred Sillem (1908 - 1994)
 Ann Sillem Longmuir
 

Ich lernte Onkel Aelred im Jahre 1956 kennen, nachdem ich eine alte Dame in Bedford besucht hatte, die bemerkte, daß Sillem ein seltener Name sei und sie einen Bruder Aelred Sillem in Quarr kannte. Sie gab mir seine Adresse und ich schrieb ihm. Er sollte mir ein teurer Freund und Vertrauter werden. Ich war erst 16, als wir uns in einem Benediktinerkloster in Royston, Hertfordshire, trafen, das inzwischen längst geschlossen wurde.

Harold Frederick Sillem wurde am 29. Oktober 1908 in Deal, Kent, geboren. Sein Vater war Steuart Augustus Sillem (1866-1950), ein Anwalt. Seine Mutter war Marie Benson (1862-1937). Er war ihr vierter und jüngster Sohn. Er besuchte Downside, ein katholisches Internat in Somerset, und ging nach Oxford, um Geschichte zu studieren, wobei er zweimal mit Auszeichnung abschloß. Er war außergewöhnlich begabt, und hätte, wie ich hörte, ein hervorragender Historiker werden können. Danach unterrichtete er eine Zeitlang in Downside und entschloß sich dann, in das Kloster einzutreten. Er entschied sich dagegen, für den Rest seines Lebens Schullehrer zu bleiben, und verfügte sich in das Kloster von Quarr auf der Isle of Wight. Quarr gehört zur Kongregation der französischen Benediktiner mit dem Haupthaus in Solesnes, die das Schwergewicht auf Kontemplation legt. Er nahm den kirchlichen Namen Aelred an, nach dem Heiligen, der in Rievaulx in North Yorkshire ein Zisterzienserkloster gegründet hatte.

Zu der Zeit, als ich ihn kennenlernte, war er Prior von Quarr geworden, wozu er ihn der damalige Abt ernannt hatte. Im Antlitz war er meiner Tante Joyce sehr ähnlich, der Schwester meines Adoptivvaters. Mein Großvater und Dom Alraeds Vater waren Brüder, weswegen ich ihn als meinen Onkel bezeichnete. Er gehörte der älteren Generation an, und in jenen Tagen zeigten junge Menschen noch Respekt vor den Älteren. Später, in den 50er Jahren, starb der Abt, und dem Brauch gemäß wurde ein neuer gewählt. Ich erinnere mich noch gut an den Brief, den er mir damals schickte, in dem es hieß: "Meine verrückten Brüder haben mich zum Abt gewählt". Er sollte diese Position 35 Jahre lang innehaben, wobei er alle 6 Jahre wiedergewählt wurde.

Als Abt konzentrierte er sich auf die spirituelle Entwicklung seiner Brüder, anstatt sich dem Ausbau der Gebäude, der Einrichtung eines Gästehauses usw. zu widmen, der seitdem erfolgte. Er ernannte Dom Joseph Warrilow zum Prior, der etwa zur selben Zeit wie er in das Kloster eingetreten war. Dieser war ebenfalls ein liebenswerter Mensch; es gibt eine Biographie über ihn. Leider bewahrte Dom Aelred keine seiner Ansprachen an die Mönche und seiner Predigten auf. Alles, was ich habe, ist eine Sammlung von Briefen, die eher persönlicher Natur sind als Informationen für ein Buch liefern würden. Ich hätte gern mehr über ihn geschrieben, aber in vielerlei Hinsicht war er ein sehr zurückhaltender Mensch. Manchen erschien er sehr distanziert, aber ich habe ihn niemals so empfunden.
 
In den späten 70er Jahren fand in Durham eine Zusammenkunft von benediktinischen Äbten und Äbtissinnen statt. Zum Schluß wurden sie zur Teilnahme an einem Vespergottesdienst in der Kathedrale eingeladen, bei dem Br. Aelred, die Mitra auf dem Haupte, der Hauptprediger war. Ich muß sagen, daß ich sehr stolz auf ihn war. Er führte mich durch die Kathedrale und wußte alles über ihre Geschichte, obwohl er nie zuvor dort gewesen war.

Gegen Ende der 80er Jahre erkrankte er leider an Kehlkopfkrebs, und seine Brüder mußten schließlich seinen Rücktritt als Abt akzeptieren. Als neuer Abt wurde Dom Leo Avery erwählt, ein früherer Luftfahrtingenieur und ebenfalls eine hervorragende Persönlichkeit. Zu dem Zeitpunkt beabsichtigte Dom Aelred, Quarr zu verlassen und in ein Kloster in Frankreich zu ziehen, um dem neuen Abt nicht im Wege zu stehen. Er sprach fließend Französisch und Deutsch, aber im Jahre 1990 forderte die Krankheit ihren Tribut, und er war nicht in der Lage, ins Ausland zu ziehen. Bei dem Begräbnis sagte Abt Leo, daß sie glücklich waren, diese zusätzliche Zeit mit ihm verbracht zu haben, da sie ihm so zeigen konnte, wie sehr die Gemeinde ihn liebte und für sein Wohl Sorge tragen wollte. Er selbst schien sich der hohen Meinung, die alle von ihm hatten, gar nicht bewußt gewesen zu sein.

Er starb im Mai 1994, nachdem er sich in den letzten vier Tagen seines Lebens weder bewegt noch gesprochen hatte. Vielleicht hatte seine Seele den Körper bereits vorher verlassen. Das Begräbnis fand am 19. Mai 1994 statt, dem Feiertag einiger frühchristlicher Heiliger. Für mich war es ein trauriger Tag, fast so schwerwiegend wie der Verlust meines Sohnes. Er war 40 Jahre lang die beständigste Bezugsperson in meinem Leben, und ich vermisse seine Weisheit und seine Freundlichkeit bis heute.
 
   Ein Nachruf auf Dom Aelred Sillem findet sich hier.


 



©  Copyright 2012 -  Martin Sillem  -  Zuletzt bearbeitet 26. Januar 2008